Die Presse, September 21st 2009

Musikverein: Was uns die Jugend erzählt

Das Mahler-Orchester unter Welser-Möst mit erstaunlichen Neuigkeiten über russische Musik.

Wer hat die schärfer konturierte, bissigere Musik komponiert – Prokofieff oder Tschaikowsky? Das Gustav Mahler Jugendorchester bewies im Wiener Musikverein, dass die scheinbar eindeutige Antwort falsch ist. Vor allem, wenn man ein bemerkenswert lyrisch getöntes Werk wie das Erste Violinkonzert Prokofieffs mit einer Aufführung von Tschaikowskys Fünfter koppelt, die angelegentlich daran erinnert, dass der viel gescholtene russische Romantiker nicht nur ein Vorläufer wider Willen der Hollywood-Klang-Illustratoren, sondern vor allem auch Urahn der russischen musikalischen Moderne ist.

Nicht von ungefähr hat ein Igor Strawinsky nie Probleme gehabt, sich zu Tschaikowsky zu bekennen. Freilich hat er sich gegen jegliche Verkitschung von dessen Musik ausgesprochen und erkannt, was an chthonischer Kraft in ihr steckt. Hört man, wie diesmal, die Fünfte so ohne Groschenromanpathos, drahtig, ganz auf den dramatischen Atem der musikalischen Erzählung konzentriert, dann wird Tschaikowskys Kühnheit offenbar. Diese Musik trifft auch – und vor allem, wenn man sie nicht in Watte packt, wenn man die Steigerungen und jähen Zuspitzungen nicht als theatralischen Bombast begreift, sondern als leidenschaftliche Klangrede, die einer souverän gehandhabten symphonischen Form unmittelbar eingeschrieben ist. Plötzlich wirken die Klangereignisse tragisch, nicht larmoyant. Und die Hingabe, mit der die jungen Musikanten aus 27 Nationen im Mahler-Orchester Welser-Mösts mit ungewohnt intensiver Zeichengebung angestachelte Interpretation realisieren, sichert dieser zu aller Klangschönheit und technischen Sicherheit Spontaneität und Brisanz.

Orchestrale Kaderschmiede Europas

Sie deklassiert vieles, was im „professionellen“ Orchesterbetrieb als Tschaikowsky-Pflege geübt wird, aber auch vieles, was bei den boomenden Tourneen diverser Jugendorchester zum Besten gegeben wird. Das Mahler-Orchester hat sich in zwei Jahrzehnten zur Kaderschmiede europäischer Spitzenensembles von den Philharmonikern bis zum Concertgebouw entwickelt. Aufführungen von solch hintergründiger Stimmigkeit, wie Welser-Möst sie hier erarbeiten konnte, tragen zum Erhalt einer europäischen Spieltradition unschätzbar viel bei.

Beim samstäglichen Gastspiel sind vor der Symphonie Sibelius' „Finlandia“ und Prokofieffs D-Dur-Konzert erklungen. Die Tondichtung als Musterbeispiel, wie man mit musizier- und klangfreudigen Blechbläsern fortissimo, aber nicht überlaut, stets auf runden, weichen – und die Streicher nicht meuchelnden – Schönklang bedacht die Grenzen des akustischen Anstands zu wahren vermag.

Und das Konzert, dank des makellos schönen, leuchtenden Geigentons von Lisa Batiashwili als Dokument für den empfindsamen Prokofieff, jenen Mann, der neben dem „Stählernen Schritt“ doch auch seelenvoll die Liebe Romeos und Julias zu besingen wusste. Batiashwili agiert noch in höchsten Lagen wendig, um sich den orchestralen Harfen- und Flötenumspielungen subtil anschmiegen zu können. Im Scherzo, dem Satyrspiel inmitten des Werks, verzichtet die Solistin züchtig auf jeglichen Verweis auf die bei diesem Komponisten zumindest erahnbaren maliziösen Untertöne. Da Welser-Möst diese Sicht willig mittrug, staunte man über die Umwertung aller Vorurteilswerte: Vor Tschaikowsky, dem unerbittlichen Musiknaturalisten, erklang Prokofieff, der elegant-salontaugliche Grandseigneur.

Wilhelm Sinkovicz